Ein Bulle greift an, indem er seine Hörner nach oben stößt. Ein Bär schlägt mit seiner Pranke nach unten. Du begegnest diesen beiden Tieren überall in der Finanzwelt — in Nachrichten, Trading-Apps, sogar als Bronzestatuen vor Börsengebäuden. Aber warum ausgerechnet Bulle und Bär? Die Antwort führt dich drei Jahrhunderte zurück, in ein enges Londoner Kaffeehaus, wo die moderne Finanzwelt gerade erfunden wurde.
Wir schreiben das Jahr 1710. In der Exchange Alley, einer schmalen Gasse nahe der Bank of England, drängen sich Händler in Jonathan’s Coffee House — dem inoffiziellen Vorläufer der London Stock Exchange. Unter ihnen sind Spekulanten, die man „Bearskin Jobbers“ nennt. Ihr Trick: Sie verkaufen Aktien, die ihnen noch gar nicht gehören, um sie später günstiger nachzukaufen und die Differenz einzustreichen — eine Praxis, die später als Leerverkauf bekannt wird. Das funktioniert nur, wenn der Kurs fällt. Ein damals weit verbreitetes Sprichwort traf das Risiko auf den Punkt: „Verkaufe nicht das Fell des Bären, bevor du ihn erlegt hast.“ Der Name blieb hängen. Jeder, der auf fallende Kurse wettete, wurde zum „Bär.“
Dann kam 1720 — und die South Sea Company. Die britische Regierung unterstützte eine Handelsgesellschaft, die außergewöhnliche Renditen versprach. Die Aktienkurse verzehnfachten sich allein in der ersten Jahreshälfte 1720. Bedienstete investierten ihre Ersparnisse. Lords verpfändeten ihre Anwesen. Begeisterung wurde zu Manie. Die Bären — jene stur an ihren Wetten festhaltenden Spekulanten — wurden verspottet, sogar bedroht. Wer würde gegen eine so sichere Sache wetten?
Der Crash, als er kam, war verheerend. Vermögen lösten sich innerhalb von Wochen in Luft auf. Die Bären hatten recht behalten. Die Südseeblase wurde zu einer der berüchtigtsten Finanzkatastrophen der Geschichte — und die Bären zu einem festen Begriff der Marktsprache.
Doch jeder Gegenspieler braucht einen Rivalen. Händler, die aggressiv kauften und auf steigende Kurse setzten, brauchten ebenfalls einen Namen. „Bulle“ fand seinen Weg in die Finanzsprache als natürliches Gegenstück zum Bären — und die Paarung war kein Zufall. Bullen- und Bärenkämpfe gehörten zu den populärsten Blutsportarten der damaligen Zeit. Jeder im London des 18. Jahrhunderts kannte diese beiden Tiere als Todfeinde. Das Bild war unwiderstehlich: Ein Bulle, der mit den Hörnern nach oben stößt, ein Bär, der mit der Pranke nach unten schlägt. Einer treibt Kurse nach oben, der andere zieht sie nach unten. Ein Markt, in dem die Kurse steigen, wurde zum „Bullenmarkt.“ Ein Markt, in dem sie fallen, zum „Bärenmarkt.“ Keiner von beiden ist gut oder schlecht — es sind zwei Kräfte, die jeden Markt seither geprägt haben.
In den folgenden Jahrzehnten verbreiteten sich die Begriffe über Londons wachsende Finanzpresse in den alltäglichen Sprachgebrauch. Im 19. Jahrhundert hatten sie den Atlantik überquert. Die Wall Street übernahm sie aus London, und sie wurden zur universellen Sprache der Märkte. Heute findest du einen bronzenen Bullen im New Yorker Finanzdistrikt und, wenn du einmal durch Frankfurts Innenstadt spazierst, die berühmte Bulle-und-Bär-Statue, die sich vor der Börse gegenüberstehen — Denkmäler einer Metapher, die sich weigert zu sterben.
Wenn dein Bildschirm das nächste Mal grün oder rot aufleuchtet, erlebst du dasselbe Drama, dem Londoner Kaffeehaustrader vor 300 Jahren ihren Namen gaben — und jetzt weißt du genau, wo alles begann.